Geschrieben habe ich schon immer. Aber wann war der Punkt, als ich von jemandem der gerne schreibt zur Autorin wurde? Natürlich könnte ich sagen: «2024, als mein erstes Buch erschienen ist.» Aber natürlich begann die Verwandlung früher. Nämlich mit diesem bestimmten Moment 2021, in dem ich wusste: ab jetzt schreibe ich, bis dieses Buch fertig ist.
Die Anfänge: Wie ich 2021 zum Schreiben zurückgefunden habe
Das Schreiben hat mich in Wellen durch mein ganzes Leben begleitet. Mal in Form von Tagebüchern, in denen Herzschmerz und Überschwang nur durch wenige Seiten und eingeklebte Kinokarten abgegrenzt wurden. Dann waren da noch meine zahlreichen Brieffreundinnen – eine Weile lang auch ein Brieffreund, bei dem sich nach monatelangem Briefwechsel herausstellte, dass er inhaftiert war (die Zahlenreihe in seiner Anschrift hätte mich stutzig machen sollen). Und irgendwann in meinen frühen Zwanzigern kam mir die Idee für meinen Roman, an dem ich ganz lange sass und schrieb. Natürlich fühlte sich das wahnsinnig wichtig an und ich zelebrierte diese Art des Schreibens stolz mitten im Café. Doch Textmassen produzieren, auch wenn sie ganz unterhaltsam sind, ist noch keine Schriftstellerei. Als mir das bewusst wurde und ich keinen Ausweg mehr aus meiner Schreibsackgasse fand, landete mein Manuskript dort, wo sich Millionen solcher Projekte tummeln – in einer virtuellen Schublade.
In einem mit «Karpfen im Froschteich» beschrifteten Ordner staubte es dort vor sich hin bis Anfang 2021. Denn da wurde mein im Koma liegendes Schreiben wiederbelebt. Plötzlich und unerwartet durch ein Kompliment meiner Cousine Paula. Der habe ich in den Weihnachtsferien traditionsgemäß einen Brief mit einem mehrseitigen Jahresrückblick gesendet. Irgendwann nach dem Jahreswechsel meldete sie sich bei mir, um sich zu bedanken und erzählte, dass meine Briefe für sie immer etwas ganz Besonderes seien. Sie spare sich die Zeilen extra für einen ruhigen Moment auf, um meinen unterhaltsamen Schreibstil (hat sie wirklich gesagt) voll genießen zu können. Bei diesen Worten riss mein Schreiben die Augen weit auf und japste nach Luft. Und ab diesem Tag verlangte es vehement nach meiner Aufmerksamkeit – es hatte ausgeschlafen!
Die ersten Schritte als Romanautorin und was dabei schiefgelaufen ist
So kam es, dass ich mein altes Manuskript wieder hervorholte und komplett umschrieb. Vieles hatte sich in der Zwischenzeit geändert. Da war die Sache mit den Smartphones und überhaupt jede Menge technischer Fortschritt. Ausserdem hatte sich der Beruf meiner Hauptfigur stark verändert in den letzten zwanzig Jahren. Zu Zeiten der «Spitexfachfrau» haben sich diese mobilen Pflegerinnen um alle Bereiche gekümmert, die bei einem Einsatz bei Kranken, Verunfallten, Wöchnerinnen oder betagten Menschen anfallen. So hat dieselbe Mitarbeiterin Wunden versorgt, Medikamente verabreicht und anschließend die Wäsche gemacht und einmal feucht durchgewischt. Heute sind Hausdienst und Pflege klar getrennt und auch innerhalb dieser Zweige gibt es noch weitere Spezialisierungen. Und auch wenn das in der Realität durchaus Sinn ergibt, hat mir das meine Story ziemlich versaut. Ich musste mich für einen dieser beiden Berufszweige entscheiden und dadurch viele pflegerische Textbausteine streichen, an denen mein Herz hing.
Ein paar intensive Monate, eine eigene Büroecke und ungefähr zweihundert überarbeitete Manuskriptseiten später hatte ich mich erneut total verstrickt. Ich mochte meine Geschichte und meine Hauptfigur sehr, aber irgendwie war der Text nicht schlüssig und die Sache mit dem Spannungsbogen hatte ich auch noch nicht raus.

Hier habe ich in meiner Schreibtischecke über einer Szene gebrütet, bei der ein Schieber – also ein Kartenspiel gespielt wird, das ich selbst nicht wirklich beherrsche.
Als ich dann im Internet zu recherchieren begann, wie das mit dem Romanschreiben besser gehen könnte, tauchte mit jeder beantworteten Frage ein bunter Strauss an neuen Problemen auf. Damit verlor ich den Durchblick dann komplett. Die Verunsicherung, die damit einherging, nahm mir immer mehr den Spaß am Schreiben. Das wäre der Moment gewesen, in dem ich die Übung wahrscheinlich abgebrochen hätte. Wenn ich nicht zufällig über einen Tagesworkshop von Jurenka Jurk über das Schreibhandwerk gestolpert wäre. Denn die Sache mit dem «Handwerk» war mir davor gar nie bewusst. Das war Anfang Herbst 2021. Übrigens wurde das der erste Online-Workshop meines Lebens, ich hatte es eigentlich nicht so mit Internet und so …
Warum ich mich damals für eine Liebeskomödie und nicht für ein anderes Genre entschieden habe
Inzwischen waren mir dieser Roman und der Traum, dass ihn jemand lesen würde, so wichtig, dass ich mich nach diesem Workshop – trotz den für mich sehr hohen Kosten – für die zweijährige Ausbildung zur Romanautorin entschieden habe. Im November 2021 ging mein Lehrgang mit einer Standortbestimmung los. Und dort habe ich mir auch überlegt, ob ich dieses renovierungsbedürftige Projekt weiterführen, oder eine neue Geschichte starten soll. Vielleicht in einem ganz anderen Genre …
Doch so sehr mich auch ein Krimi gereizt hätte, abgesehen davon, dass es genau diese angefangene Geschichte war, die mir am Herz lag, wollte ich dann doch nicht dauernd Mord, Totschlag und zwischenmenschliche Abgründe in meinem Kopf haben. Und vor allem war es mir wichtig, etwas Unterhaltendes zu schreiben – was nicht bedeutet, dass die Geschichte keinen Tiefgang hat. Denn auch der war mir wichtig.
Es folgten zwei intensive Jahre, in denen ich mich dem Schreiben als Handwerk, Modul für Modul näherte. Erst lernte ich, wie man sich überhaupt auf so eine lange Reise macht, ohne wieder umkehren zu wollen. Das war für mich ein eher ungewohntes – weil sehr psychologisches – Modul und ich machte es vor allem mit, weil ich viel Geld für diese Ausbildung bezahlt hatte und darum alles mitnehmen wollte, was sich mir bot. Witzigerweise war im Nachhinein genau dieses Modul eines der Wichtigsten für meinen zukünftigen Weg als Autorin …
Als Nächstes lernte ich, was eine Figur braucht, damit sie lebendig wirkt und man gerne seine Zeit mit ihr verbringt. Dann vertiefte ich mich in mehreren Modulen in den planerischen und dramaturgischen Aufbau eines Romans, bis ich endlich nach über einem Jahr eine Rohfassung der neu konzipierten Geschichte schrieb. Was übrigens nicht das Ende meines Manuskripts bedeutete, sondern bloß der Startschuss einer mindestens genau so langen Überarbeitungsphase war. So viel zur Entstehung von «Karpfen im Froschteich» als Manuskript.
Dadurch, dass ich während der Ausbildung erstmals die Möglichkeit des Selfpublishings als Alternative zur Verlagssuche kennenlernte, kam auch danach noch ganz schön viel Neues auf mich zu, bis ich das gedruckte Buch in den Händen hielt.

Nach zwei intensiven Jahren habe ich die Ausbildung zur Romanautorin abgeschlossen und mein Manuskript war bereit fürs Lektorat.
Was mich das Schreiben seitdem gelehrt hat
Das Schreiben hat mich und meinen Alltag natürlich auch verändert. Inzwischen schaue oftmals mit einer ganz anderen Brille auf die Welt. Und vor allem auf ihre faszinierenden Bewohner. (Das sind übrigens meist nicht die, die sagen: «Über mich solltest du mal schreiben! Was ich alles erlebt habe, da würdest du staunen!»).
- Seit ich schreibe, will ich verstehen, warum jemand so reagiert, wie er es gerade tut. Und bin negativen Verhaltensweisen gegenüber um einiges wohlwollender geworden. Ich denke mir dann beispielsweise: «Wahrscheinlich hatte sie heute Morgen Ärger mit ihrem Chef.» Oder: «Bestimmt klaut seine demente Mutter Tischdeko im Altenheim und die Heimleiterin hat ihn gerade in einer gehässigen Mail zusammengefaltet.» In manchen Situationen habe aber auch ich keine Erklärung. Wie bei dem Mann, der mir letztens als ich sagte, ich sei Schriftstellerin und schreibe witzige Romane, an den Kopf geworfen hat, Frauen könnten nicht witzig sein. Generell nicht. Diese Fähigkeit hätten nämlich nur Männer. Und falls eine Frau dies ansatzweise doch schaffe, dann nur, weil sie etwas kopiere, was ein Mann vor ihr gemacht habe. (Auch wenn ich es erst nicht glauben konnte – das war sein voller Ernst.) Bei so viel Angriff aus dem Nichts fiel es mir dann doch schwer, mir für den Herrn wohlwollende Gründe, die diesen Ausbruch erklärten auszudenken. Getroffen hat es mich aber nicht. Denn diese Situation wird mir ganz bestimmt einmal für eine Szene in einem Roman dienlich sein. Und es ist gut möglich, dass sie witzig wird. Denn Humor beginnt da, wo es wehtut – bestenfalls jemand anderem. Nicht umsonst sind nervige Menschen oder unangenehme Situationen im Nachgang echtes Story-Gold …
- Technik. Für jemanden, der mit Technik wirklich gar nichts am Hut hatte, bewirtschafte ich inzwischen ganz schön viele Tools.
- Ich musste in den letzten Jahren wirklich oft meine Komfortzone verlassen. Denn Selfpublisherin sein bedeutet nicht nur künstlerische Freiheit, sondern auch Klinken putzen. Es bedeutet Ablehnungen kassieren und es bedeutet sich zu zeigen, um als Autorin wahrgenommen zu werden. Social Media, Lesungen, Messen, Märkte, Podcasts … Damit mein Buch gefunden wird, habe ich wirklich schon manches gemacht, dass ich nie von mir erwartet hätte. Ich habe sogar bei einer Kochsendung mitgemacht.Auch wenn ich mich nicht als gute «Verkäuferin» empfinde, so kommt mir doch meine Lehre in der Gastronomie sehr entgegen für diese Rolle. Was nicht heißt, dass es mich keine Überwindung kostet.

Lesungen machen mir grossen Spass. Die Reaktionen des Publikums, der Austausch … einfach immer ein Erlebnis.
Warum ich mich heute wieder für das Schreiben entscheiden würde
Schreiben ist nicht einfach. Es erfordert viel Zeit. Es nimmt mich oft stark für sich ein und es öffnet Räume in mir, die ich meinen Leserinnen zeige, ohne zu wissen, wie sie darauf reagieren werden. Es fordert mich dazu heraus, mich mit der Gesellschaft, den Menschen und auch mit mir auseinanderzusetzen. Zu Beobachten und zu Spiegeln. Dieser schärfere Blick hat mein Leben sehr bereichert. Und alles, was eine Buchveröffentlichung mit sich bringt sowieso. Ich werde es also wieder tun – auch wenn das Schriftstellerinnen-Dasein weitaus unglamouröser ist, als man es sich vorstellt ;).
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