Spiele sind meist eng mit Erinnerungen verbunden. An die Kindheit, an Menschen in unserem Leben, an Situationen. Sie können Spaß machen oder einen den letzten Nerv kosten. («Lotti Karotti» war mein persönlicher Endgegner).
Um den Stellenwert des Spielens geht es bei der Blogparade «Drei Spiele, die mich begleiten» von Ulrike Wolf. Wenn ich zurückdenke, dann ist in unserer Familie das Jassen allgegenwärtig. Mit diesem Kartenspiel verbinde ich Erinnerungen an längst verstorbene Menschen – aber auch einen gewissen Groll, weil das Spiel fast die gesamte Aufmerksamkeit der Erwachsenen beanspruchte, wenn bei uns Besuch kam.
Vielleicht bin ich darum keine große Spielernatur geworden. Dennoch habe ich drei Spiele gefunden, die mich durch verschiedene Lebensphasen begleitet haben.
Der Schieber – stetiger Begleiter meiner Kindheit
Seit ich zurückdenken kann, haben die Erwachsenen in meiner Familie «gejasst». An Sonntagnachmittagen oder in den Wintermonaten, in denen es in der Landwirtschaft etwas ruhiger zuging auch mal wochentags, kamen Verwandte oder Nachbarn zu Besuch. Der tannengrüne Jassteppich – das Spielfeld, auf dem dieser Nationalsport betrieben wird – wurde auf dem großen Wohnzimmertisch ausgebreitet. Spielkarten wurden auf ihre Griffigkeit geprüft, die Kreide frisch angespitzt und neben der Schiefertafel drapiert. Auf der würden später die Spielerfolge in Form von Strichen und Kreisen festgehalten werden. Tanten und Onkel fuhren vor, in der Küche wartete bereits die obligatorische Fleischplatte – die gab es in der Halbzeitpause, auf die ich immer hin fieberte. Denn das war die Viertelstunde, in der die Erwachsenen Zeit hatten zum Reden. Während des Spiels war das nicht so gern gesehen.
Der Besuch trat ein, Mäntel wurden aufgehangen, schwielige Hände geschüttelt und schon nahmen alle rund um den Tisch Platz. Nachdem Getränke und Spielkarten verteilt waren, sass ich meist irgendwo daneben und malte eingehüllt von einem Klangteppich aus knappen Wortmeldungen wie «gschobä» oder «drü vom Näll» und den dumpfen Schlägen, wenn die Karten in der Tischmitte abgelegt wurden. Ab und an wurde geschimpft, gefachsimpelt oder laut aufbegehrt. Besonders mochte ich die mit dem Spielgeschehen einhergehenden Sprüche. Auch die durch den Zigarettenrauch immer dicker werdende Luft gab so eine Art Stammtisch-Charakter. Ich habe dieses Spiel, den Schieber nie gespielt. Ich war aber immer Teil davon. Manchmal habe ich es geliebt, weil alle kamen und es diese Gemütlichkeit mitbrachte. Oft habe ich es auch gehasst, weil es jegliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Wahrscheinlich habe ich den Schieber darum nie gelernt. Geprägt hat er mich trotzdem. Und anscheinend auf eine gute Weise, denn er bekam in meinem Roman «Karpfen im Froschteich» einen festen Platz.
Der Schellenjass – als Teenager entdeckt, heute «mein» Jass
Nach einer länger währenden ich-finde-jassen-doof-Phase, in der ich es auch ganz bewusst nicht lernen wollte (ja, ich war ein Kind mit Dickschädel und einer guten Portion Drama), wurde in unserer Familie immer öfter der Schellenjass gespielt. Der große Vorteil dieses Jasses ist, dass man kaum Vorkenntnisse braucht. Wer die Deutschschweizer Spielkarten kennt, ist schon auf der sicheren Seite.
Die Regeln sind einfach:
- Die höhere Karte ist stärker als die Niedrige.
- Man muss die gelegte Farbe geben, wenn man sie ebenfalls hat.
- Das Hauptziel ist möglichst keine Schelle zu bekommen oder alle.
- Wenn jemand alle Schellen bekommen hat, dann hat derjenige 0 Punkte, alle Gegenspieler bekommen 9.
- Eine Spielrunde besteht aus zehn Durchgängen.
- Der Spieler mit dem tiefsten Punktestand hat gewonnen.
Was ich neben seiner Einfachheit am Schellenjass sehr schätze ist, dass man keine klare Spielerzahl braucht. Ob zu dritt oder zu sechst, das Spiel funktioniert immer. So haben wir es in meiner Teenagerzeit viel gespielt, wenn sonntags meine Geschwister mit ihren Familien nach Hause kamen. Dann lag der Schellenjass lange im Dornröschenschlaf. Neu erwacht ist er ausgerechnet mit Corona. Man konnte nirgendwo hin, keine Besuche und mehr Zeit als je zuvor. Da wir alle im selben Haus leben, sassen mein Mann und ich immer öfter nachmittags bei meiner Mutter am Küchentisch. Schellenjass funktioniert wunderbar zu dritt. Ab und an kam mein Bruder dazu. Zu viert war die Spieldynamik gleich ganz anders. Corona ging vorbei – der Schellenjass blieb. Er ist immer öfter Teil unserer Familienzusammenkünfte. Egal ob Grosi oder Schulkind, wer Lust hat, spielt mit. Der Schellenjass hat mich mit dem Jassen versöhnt. Ich mag das unkomplizierte an diesem Spiel. Kein grosser Aufbau, kein teures Spiel und kein Überreden von Spielunwilligen, weil «noch Einer fehlt». Einfach nur die Karten und irgend was zu Schreiben. Und ein Fläschchen Prosecco 😉 …

Alle jassen mit 😉 …
Brändi Dog
Ich liebe «Eile mit Weile». Auf Campingreisen habe ich das mit meinem Mann unermüdlich gespielt. Obwohl ich ehrlich gesagt dauernd verloren habe. Dann brachte irgend wann mein Neffe zur Weihnachtsfeier ein «Brändi Dog» mit. Die Kombination aus dieser «Eile mit Weile» Grundstruktur und den Spielkarten, die wie ich finde, mehr als bloß ein Würfelersatz darstellen, haben mich sofort fasziniert. «Brändi Dog» wurde für mich sofort zu einem Lieblingsspiel, das nie langweilig wird. Und ja, die hübsche Holzoptik hat es mir auch angetan. Die Kosten für das original «Brändi Dog» sind sicher für viele ein Minuspunkt. Ich habe auch lange überlegt, ob ich so ein teures Spiel kaufen soll, und habe es mir schlussendlich zum Geburtstag gewünscht. Da die hohen Kosten vor allem daraus bestehen, dass die Stiftung Brändi diese Spiele herstellt, finde ich den Preis fair. Es gäbe auch eine günstigere Alternative, habe ich im Netz gesehen.
Inzwischen ist es etwa vier Jahre her, dass das Spiel bei uns eingezogen ist. Und es gehört zu unseren «Bestsellern». Wir haben es extra auch der Oma beigebracht, denn hier kommt wieder das zu Tragen, was so oft bei Spielen passiert – meist fehlt uns ein Spieler …

Auch in die Camping-Ferien reist das Brändi Dog mit.
Bonusspiel – Krimidinner
Jetzt, da der Artikel fertig ist und ich merke, dass ich echt keine große Spielerin bin, kommt mir doch noch eines in den Sinn. Eines, dass ganz bestimmt Erinnerungen erschafft, die bleiben.
Seit ein paar Jahren veranstalten wir mit zwei befreundeten Paaren immer ein Krimidinner. Die Gastgeber und die Spielehersteller wechseln, der Spaß ist immer garantiert. Wir kommen jeweils schon fertig verkleidet und mit einem Gang des Menüs (wir entscheiden da immer selbst, obwohl den Spielen Empfehlungen beiliegen) bei den Gastgebern an und dann geht das Spiel zusammen mit dem Aperitif gleich los. Das sind immer köstliche Abende mit ausgelassener Stimmung. Ich habe zwar noch nie den Mörder entlarvt, aber dieses gemeinsame Erlebnis kann ich jedem Empfehlen – egal ob mit Familie oder mit Freunden.

Wir versuchen immer, das Ambiente und auch uns etwas der Story anzupassen 😉 …



